Tipps und Tricks zum Scheren
Wie – Sie haben schon Ihre nachwachsenden Rohstoffspender bearbeitet? Jetzt wollte ich Ihnen ein paar nützliche Tips geben, wie Sie die Schafschur noch einfacher gestalten können – naja, macht nix, dann wenden Sie die Tipps einfach nächstes Jahr an.
Als erstes ein paar Hinweise zu der Psyche des Schafes, dies ist äußerst wichtig, denn nur wenn man weis, was das Schaf denkt und fühlt, dann kann man auch mit dem Schaf in eine verbale bzw. non-verbale Kommunikation treten. Bisher war es doch so, dass der vierbeinige Wollspender brutal auf die Scherbank geworfen wurde, als wenn es zur Schlachtbank geführt wurde; ein kräftezehrendes Ziehen und Zerren an in panischer Angst hechelnden Mähwerken hatte nur zu oft die Folge, dass an ein aufgeregt strampelndes Vieh nur schlecht die schnellen, gegeneinander laufenden Messer gerichtet werden konnten.
Um wieviel leichter und freudiger ist der Umgang mit einem friedfertigen, stillen Tier, welches nichts fürchtet und genau weis, der Chef macht´s schon richtig.
Nur, wie bringe ich den kleinen Wiederkäuer zu einem partnerschaftlichen Verhalten?
Ganz einfach – wirklich: die Vorbereitung machts! Schon Tage vorher bereite ich die mich dumm anglotzenden Viecher auf „den großen Tag" vor. Ich knie mich nieder und erkläre das furchterregende Werkzeug, was die Tiere von einer Minute auf die andere nackert macht. Gerade für die weiblichen Tiere ein Schock, wenn sie vor den Augen der ganze Herde ihren Wärme spendenden Pullover ausgezogen bekommen. Dem muß entgegen gewirkt werden! Leises und monotones Vorbeten der Vorzüge eines Temperatursturzes von etwa (je nach Außentemperatur) 10 - 15ºC lassen die skeptischen Wiederkäuer ruhig vor sich hinmampfen.
Und täglich ein bisschen mehr an Erklärungen, auch die Geräuschkulisse ist in die Erklärungen mit einzubeziehen: die Wiedergabe von einem transportablen Tonträger der letztjährigen Schafschurmeisterschaften tragen eindeutig zu einem Verständnis bei, wenn denn am „großen Tag" die schon vorher einstudierten Geräusche tatsächlich produziert werden: man kennt das schon, halb so schlimm.
Stellen Sie sich doch einmal Ihre erste Begegnung als Kind mit dem Zahnarzt vor, als er Ihren ersten von Karies total durchlöcherten Zahn mit einem Mini-Erdbohrer bearbeitete! Ohne Betäubung! Wissen Sie noch, wie viel Menschen notwendig waren, Sie festzuhalten – oder hatte er schon Arme und Beine an einem modernen Liegestuhl so festgebunden, dass Sie sich nicht mehr bewegen konnten? Können Sie sich noch Ihre geäußerten Wünsche beim Verlassen des hell tapezierten Folterraumes an den ganz in weiss gekleideten Herren erinnern? Hatten Sie nur auf Rücksicht auf die eh´ schon geschwollene Backe von Ihrer Mutter keine gescheuert bekommen?
Und jetzt versetzten Sie sich einmal in ein Schaf! Können Sie jetzt verstehen, warum die so nervös sind? Und deswegen sollten Sie die Bedenken dieses für unsere Begriffe einfach gestrickten Tieres so weit wie möglich zerstreuen.
Wenn dann das noch wollige Individuum zu dem grässlich aussehenden Herren (manchmal auch Frau) geschoben (im günstigsten Fall getragen) wird, sind Hinweise auf den „Schlachtkelch", der gerade an der Kehle vorbeigewandert ist, überaus hilfreich. Dem Tier ist zu erklären, dass dort nicht der Metzger steht sondern eine helfende, eine positive Person, die nichts böses im Sinn hat. Leichtes streicheln an den Backenseiten, beruhigende Worte helfen durchaus, die Nervosität aus dem Tier zu nehmen. Und nach der Entkleidungszeremonie ein kleines Dankeschön in Form einiger Gersten- oder Haferkörner lässt im nächsten Jahr die Tiere wie von selbst zur rasselnden Schere rennen.
Und vergessen Sie nicht die Lämmer: Lassen Sie den Nachwuchs ruhig um die Füsse des genervten Scherers herumlaufen – im nächsten Jahr (sofern sie dieses überhaupt erreichen) wird der Nachwuchs dankbar sein: es hat das ganze ja schon einmal gesehen, weis also, es ist alles halb so schlimm.
Und die Mutter ist auch ruhiger wenn sie ihr Kind in der Nähe weis und nicht voller Panik herumblökt.
Sicherlich wird Ihnen auch noch der ein oder andere Tip einfallen, wie Sie Ihre lebenden Rasenmäher auf einen bedeutenden Tag im Jahr vorbereiten können.
Sie haben einen Teil der Tips schon selbst ausprobiert? Wie schön dass es noch Menschen gibt, die mit ihren Tieren fühlen und nachvollziehen können, was in ihnen vorgeht.
©Peter E. Heinze, 14.06.02,
Lämmerruhe

Nach des Tages Arbeit lasse ich mich auf dem versifften, schon bessere Zeiten erlebten Chaisselonge unter einem Vordach nieder. Auf die Weite der Wiesen schauend, lehne ich mich zurück und beobachte meine Kinder. Die Flaschenlämmer erfreuen sich ihrer kurzen Freiheit und laufen, neugierig ihre ungewohnte Umgebung erschnüffelnd, aufgeregt umher, um vielleicht etwas zum fressen, besser noch zum Lutschen zu finden.
Sie scheinen aus dem Gröbsten heraus zu sein, sachte setzt die Wiederkäuertätigkeit ein, noch kann aber auf die Flasche nicht verzichtet werden. Die stressigste Zeit scheint vorbei zu sein, es hat sich offensichtlich gelohnt, sich zu engagieren. Peinlichst darauf achtend, mich nicht aus den Augen zu verlieren, kauen sie ihre ersten Gräser.
ca. 10 Tage alte Lämmer beim Ausflug
Nachdem ich mich zurückgelehnt habe und die Beine in einer doch recht komfortablen waagrechten Position mich nicht mehr tragen müssen, werden die Augenlieder immer schwerer. Auch das fordernde Meckern der Flaschenkinder nötigt mir momentan keine allzu große Aufmerksamkeit ab.
Die kleinen Wollproduzenten wissen wohl nicht genau, was sie zu tun haben. Aufgeregt rennen sie vor meiner Ruhestatt auf und ab, schauen mich mit fragenden Augen an, als wollten sie wissen, warum ich nicht mit ihnen spielen will. Ausgerechnet das jüngste, von dem ich ehedem glaubte, dass alle Mühe umsonst sein würde, kommt mit einem Satz an meine Seite. Aufbauspritzen, besondere Aufmerksamkeit und hier und da eine Extra-Portion flüssiger Nahrung haben mein Sorgenkind doch recht gut gedeihen lassen
Wie die anderen auf der großen Wiese, die mit den richtigen Müttern, sucht die Kleine Geborgenheit und Nähe an meiner Seite. An meiner mit Wollfett getränkten Hose kann sie erriechen, dass sie keine Angst haben braucht, dass sie hier richtig ist. Nachdem sie sich niedergelassen hat legt sie den Kopf auf ihre Beine und scheint meinen Gedanken nachzuhängen. Leicht kraule ich sie an den Ohren und am Hinterkopf. Auch die Schnauze wird in meine Liebkosungen einbezogen. Mit leicht geschlossenen Augen scheint sie nicht nur die Zärtlichkeiten zu geniessen, sie scheint in eine andere Welt abgetaucht zu sein. Vielleicht träumt auch sie wie ich von den endlosen Weiten irgendwelcher Täler, von Weiden ohne Spaziergänger mit wild herumkotenden Kötern, von einem sorgenlosen Dasein als kleiner Hauswiederkäuer. Sie wird wohl in Gedanken mit den anderen wie wild auf der Weide herumtollen, wird mit geöffnetem Maul nach Luft hecheln, nachdem mehrmals in schnellem Galopp die Wiese gequert wurde, um sich dann im Kreis der anderen Lämmer auszuruhen. Sie wird sich nicht die Frage stellen, warum die Mutter sie nicht haben wollte. Sie wird den Sinn nicht wissen wollen, warum gut 150 Tage ein Leben im Mutterleib heranwächst, das mühsam Licht der Welt erblickt – um dann von der Mutter keines Blickes gewürdigt zu werden. Was geht in dem Kopf eines weiblichen Tieres vor, wenn es das Kind, welches sie gerade noch abgeleckt hat, mit harschen Kopfbewegungen an dem Versuch kläglich scheitern lässt, wertvolle Tropfen des lebensnotwendigen Mannas zu ersaugen. Da hilft kein Schreien, kein Aufdringliches zwischen den Beinen herumlaufen, zu klein und zu schwach ist das Neugeborene, wenn denn der Wille der Mutter fehlt, den Nachwuchs in seinem Bemühen zu unterstützen, am Leben zu bleiben. Ist es wirklich eine Frage der Hautfarbe? Warum wird die andersfarbige Schwester am Leben gehalten, und nicht auch der dunkelhäutige Bruder? Andere Mütter, deren Kinder beide dunkel sind und die Mutter hell, kümmern sich hervorragend um ihre beiden schwarzen Schafe, warum hier nicht??
Jähe schrecke ich hoch, als ein Schuss die Stille zerstört und gleichzeitig steril gekachelte Räume mit langen Reihen lebloser Schlachtkörper vor meinem inneren Auge in Bruchteilen von einer Sekunde vorbeiziehen. Hochgeschreckt wie ich auch meine Schmusepartnerin, die mich mit treuen Augen anschaut, als wenn sie fragen wollte: Mama, alles in Ordnung? Mein Herz schlägt schneller bei dem Gedanken, das ein Bolzenschußapparat diesem jungen Leben ein jähes Ende setzen wird.
Und doch, es ist diesem Lebensmittelspender nicht zu vermitteln, dass es irgendwann einmal im Kochtopf landen wird. Weiter den zukünftigen Braten streichelnd lehne ich mich wieder zurück und geniesse den Rest des Tages. Einen besseren Freundschaftsdienst kannst du mir nicht leisten.
©Peter E. Heinze, 25.06.2002,