Tierarzt Ja oder Nein
Lippengrind oder .......?
Es ist ausgestanden –
zumindest vorerst. Keines der Tiere hat – äusserlich – noch
irgendwelche pathologische Erscheinungsformen. Kein Tier ist
eingegangen, keine Keulungen, keiner weiss etwas – bis jetzt.
Und ich weis nicht, wie ich mich fühlen soll. Habe ich –
vornehmlich im Namen der Schafe – alles richtig gemacht? Welche
Vorwürfe könnte man mir machen?
Aber der Reihe nach
Situation
Zum Zeitpunkt der Ereignisse habe ich ca. 80
Köpfe von im Herdbuch geführten Rauwolligen Pommerschen Landschafen
und Mischlingen aller Couleur, aufgeteilt in drei Herden:
Mutterschafe mit Lämmern, Bockherde sowie Flaschenlämmer am Haus,
wobei ein Flaschenlamm erst wenige Tage bei den vier
Gleichgesinnten ist: es wurde zuvor bei einem Bekannten mit Ziegen
genährt.
Die Lämmer sind ab dem 15.03.02 geboren worden. Die Herden werden
je nach Wiesenzustand auf immer neue Wiesen verbracht, die
Standorte liegen z.T. kilometerweit auseinander. Personen haben
i.d.R. keinen Kontakt zu den Schafen. Die Bockherde besteht aus
einem Altbock (4 J.), einem Zuchtbock (2J.) und fünf Jungböcken
(einjährig). Besondere –Reinlichkeiten- werden nicht gehandhabt:
nach einander werden die Herden besucht und kontrolliert, Hände,
Arme, Kleidung, Schuhe – nichts wird gewechselt bzw.
gesäubert.
Verlauf
Am 12.05.02 gehe ich mit den zwei ältesten
Böcken auf eine Ausstellung. Am 14.05.02 wird die Bockherde von
einem Bekannten (Wanderschäfer mit einigen hundert Tieren)
geschoren. Zu diesem Zwecke sind die Böcke mit den Flaschenlämmern
für einige Tage zusammen, danach stehen die Böcke wieder separat.
Keines der Tiere hatte bis dato irgendwelche
Auffälligkeiten, weder in der Mutterherde noch sonstwo. Alle Tiere
gesund und munter.
Erste Symptome
Ende Mai, also gut zwei Wochen nach der
Bock-Schur und der Ausstellung, bekommt ein Bock dicke Lippen,
fängt an zu sabbern; die anderen bekommen am Kopf, Nase, im
Lippenbereich kleine – ja, wie soll ich es nennen: Pickel,
Hautverkrustungen, die sich leicht, ohne zu bluten, abkratzen
lassen. Ich messe dem keine große Bedeutung bei, die Tiere machen
einen munteren Eindruck auf mich, ich kann nicht davon ausgehen,
dass hier eine „große" Krankheit vorliegt.
Ich bringe das Verhalten der Tiere in Zusammenhang mit einer von
mir noch nie beweideten Wiese (Brach-/Obstwiese), zumal vor den
Prusteln alle Böcke so etwas wie Schnupfen hatten: leichter,
schleimiger Nasenausfluss, der nach zwei Tagen wieder weg war. Es
war Pollenflug zu dieser Zeit, vielleicht hatten sie etwas nicht
vertragen. Das „Krankheitsbild" bei dem einen Bock: Lippen platzen
auf, die Nase ist fast zugeschwollen, es riecht nach vermodertem
Fleisch – ekelhaft. Merkwürdig, dass die zwei ältesten Böcke fast
nichts haben.
Ich frage mich: warum, woher? Wer hat meine Schafe infiziert? Was
ist los?
Ich erinnere mich, dass in einem Buch über Schafskrankheiten ein
Bild vorhanden ist, welches meinem erkrankten Bock ähnelt.
LIPPENGRIND! Als ich lese, dass es sich um eine meldepflichtige
Krankheit handelt, wird mir übel.
Ich schildere die Anzeichen meinem bekannten Schäfer (s.o.), der
nicht nur über dreissig Jahre Berufserfahrung verfügt sondern auch
schon in der zweiten Generation in der Schafzucht tätig ist, will
damit sagen: ein praktischer Landmann von altem Schrot und Korn.
Mit einem Abwinken verweist er auf Lippengrind, Tenor: das kann
passieren, habe ich auch schon gehabt Alles halb so schlimm, nach
ein paar Wochen ist alles vorbei, da sieht man nichts mehr. Ist es
der bösartige, können vielleicht die Lämmer eingehen.
Er gibt mir zu verstehen, dass ich mir das auf der Ausstellung
geholt haben könnte: Träger der Krankheit müssen nicht daran
erkranken.
Er gibt mir Tipps, wie der Grind zu behandeln ist, ich versuche es
umzusetzen.
Wiederum nach ein paar Tagen stelle ich fest, das es lediglich ein
Bock ganz schön erwischt hat, die anderen kommen mit einem „blauen
Auge" davon, die Altböcke haben so gut wie gar nichts. Die
Flaschenlämmer haben absolut nichts. Und weil es nur einen erwischt
hat, die Mutterherde als auch die Flaschenlämmer absolut Top da
stehen, und besagter Bock nach wenigen Tagen erste Anzeichen eines
„Gesundungsprozesses" aufweist und absolut keinerlei
„Ausfallerscheinungen" aufzuweisen hat, denke ich positiv und
unterstelle, dass es sich um eine gutartige Form von Lippengrind
gehandelt haben könnte. Die mir zur Verfügung stehende Literatur
sagt ja auch aus, dass nach erfolgter Heilung nichts mehr zu sehen
ist. Wenn ein Tier es hat, kann man nichts mehr machen, eine
Vorbeuge bzw, Behandlung ist kaum möglich.
Ich atme auf, denn zwischenzeitlich hat sich ein Käufer gemeldet,
der mir ein paar Tiere abnehmen wird. Mir wird doch keiner kranke
Tiere abnehmen.
Verdacht auf Borreliose
Zwischenzeitlich muss ich
selbst den Arzt aufsuchen, da Ende Mai täglich am Körper mehrere
Zecken gefunden wurden. Die Schafe sind teilweise extrem
befallen.
Ein Zecken-Weibchen hat fast den ganzen Tag Zeit, sich bei mir fest
zu saugen (muss wohl morgens passiert sein), es schwillt die
Innenseite des rechten Oberschenkels heftig an, die Rötung zieht
sich von der Leiste bis zum Knie. Als nach einer Woche keine
Besserung festzustellen ist, ich nun doch nicht mehr so sehr auf
mein bisher funktionierendes Immunsystem vertraue und jeder nur den
Kopf ob meiner Sorglosigkeit schüttelte, ging ich am 6.06.02 zum
Arzt, der sofort ein heftiges Antibiotikum verabreicht. Dieses
Mittel hat jedoch zur Folge, dass meine von Natur aus empfindlich
auf Sonnenstrahlen reagierende Haut nun noch mehr
„photosensibilisiert" – dies ist wichtig zu wissen ob der in
nächster Zeit reagierenden Haut der Hände und Arme.
Am 14.06.02 ist großer Schurtag, alle Muttertiere werden geschoren,
und zwar von besagtem Wanderschäfer, von dem oben schon die Rede
war. Da besucht uns auch ein Bekannter ( er hat mir mit der Ziege
ein Flaschenlamm groß gezogen).
Am 15.06.02, also gut zwei Wochen nach den ersten Anzeichen (bei
der Bockherde ist nichts mehr zu sehen) kommt ein Hobby-Schäfer
nach gut 200 km Anfahrt und nimmt den Alt-Bock sowie zwei
Muttertiere mit Lämmern und ein Flaschenlamm mit – es sei erinnert,
dass in der Mutterherde nichts festzustellen ist. Ich traue mich
nicht von der seltsamen Lippe des einen Bockes zu berichten, der
Alt-Bock ist sowieso sehr robust.
Nekrobazillose i.V.m. Lippengrind
Am 16.06.02, also nur
einen Tag nach der Abholung der Tiere, sehe ich in der Mutterherde
ein, zwei Tiere, die nicht mehr so aussehen wie sonst:
angeschwollener Kopf, Nasenbereich fast so breit wie der
Kopf.
Am nächsten Tag trifft mich der Schlag (siehe Bild) : wann platzt
der Kopf, und das ausgerechnet bei Helga, einem Flaschenlamm von
2001. Andere Tiere bekommen dicke Lippen. Wieder mit dem Schäfer
(s.o.) telefoniert, es werden alle möglichen Krankheiten erörtert,
mir wird wirklich schlecht – was Schafe alles kriegen können! Aber
hier doch nicht, bei mir nicht! So toll wie die gehalten werden,
diese prächtigen Tiere – ach was!! Ich wehre mich dagegen, was hier
vorgeht – und kann es doch nicht verhindern.
Ein e-mail des Schafskäufers trifft ein: auch seine Tiere sind
erkrankt, er fragt nach einem Tierarzt. Ich versuche das ganze
herunter zu spielen und wage nicht auszudenken was passieren
könnte, wenn hier ein Tierarzt, zu allem Unglück auch noch ein
verbeamteter Amts-Veterinär, auftauchen würde.
Schreckensmeldungen von gekeulten Herden bei Kassel und Fulda wegen
einer nicht absolut nachgewiesenen „Seuche", die da Scrapie heissen
soll; Q-Fieber im Nachbarkreis; die sog. „MKS-Seuche" von 2001, was
sich im Nachhinein als Lippengrind in Fussform herausgestellt hat:
vieles geht mir durch den Kopf.
Die Tiere sind mittlerweile weg vom Fenster; weit weg, kein
Publikum, keine Spaziergänger. Keiner weis, wo sie sind. Jetzt
kommt die Krankheit mit Vehemenz: anfänglich noch davon ausgehend,
dass eine gewisse Systematik vorhanden ist ( dieses und jenes Tier
bekommt es nicht, kann es nicht bekommen), muss ich nach einigen
Tagen einsehen, dass es so was nicht gibt – alle Tiere
werden befallen: einige früher, andere später; einige heftig,
einige weniger heftig. Die Flaschenlämmer werden in die jeweilige
Herde eingegliedert: sie bekommen es alle.
Die Frage nach dem Tierarzt schwirrt immer mehr in meinem Kopf
herum. Tut es meinen Tieren gut, wenn sie tierärztlich betreut
werden? Was passiert mit den Tieren in freier Wildbahn, haben die
auch einen Tierarzt? Ich habe eine robuste Haltung, natürlicher
Ausleseprozess, Selbstreinigungskräfte, Immunität – Schlagworte
jagen durch meinen Kopf.
Kann ich meiner Stammtierärztin vertrauen? Wird sie einige Tage ins
Land gehen lassen und warten? Welche Behandlungsmasznahmen wird sie
anwenden? Was kostet das? Was passiert, wenn sie die Krankheit
weiter meldet? Ich kenne das Szenario von MKS in 2001 – und weiss,
welche Amts-Tierärzte damals dahinter standen. Es wird kolportiert,
dass keiner der damaligen beamteten Entscheidungsträger
jemals als praktischer Tierarzt die MKS a´natura gesehen
hat. Was, wenn hier bei mir formalistische Entscheidungen getroffen
werden, die ich weder rückgängig machen noch kontrollieren bzw.
rechtlich überprüfen noch sonstwie beeinflussen kann? Denn man muss
wissen, dass für eine Keulung freigebene bzw. konfiszierte
Schafherde weg ist, und zwar so weg, dass keine
Kontrolluntersuchung möglich ist, kein Gegengutachten erstellt
werden kann – nichts! Ich kenne Behörden und deren Machtanspruch:
ich rufe keinen Tierarzt! Wenn tatsächlich einige Tiere
eingehen sollten, habe ich Pech gehabt, ich bilde mir aber ein,
dies einigermaszen kalkulieren zu können. Selbst wenn: die
Wahrscheinlichkeit, dass die Tiere unter meiner Kontrolle sterben
ist vermutlich weitaus kleiner als unter der Ägide einer Behörde.
Sterben sie bei mir, dann weis ich wenigstens warum.
Obwohl einige Lämmer absolut grauselig ausschauen und mir die
Tränen kommen wenn ich sehe, dass sie nicht mehr saugen, nicht
einmal mehr Wasser saufen können, kaum das Maul aufkriegen; der
Unterkiefer wegen der Schwellungen nicht mehr bewegt werden kann,
wenn die Muttertiere kaum ein „Mäh" aus dem geschwollenen Kopf
bekommen und die Hungergrube immer größer wird und sie mich alle
anschauen mit diesem tieftraurigen Blick, in dem ich
hineininterpretiere: Hilf uns doch!; ich bleibe dabei, kein
Tierarzt! Die Lämmer sind jetzt gut drei Monate alt, von der
Nahrungsaufnahme her gesehen kann nichts schief gehen. Ein bisschen
Diät kann nicht schaden.
Über eine in alter Bekanntschaft verbundene Tierärztin, die etwas
weiter weg wohnt, kann ich ihre Meinung zu einem versandten Bild
per e-mail innerhalb kürzester Zeit einholen. Ich habe noch nie
etwas von Nekrobazoillose gehört , verschlinge daher die mir zur
Verfügung stehenden Erläuterungen. Dies und die eingehende
Beobachtung der Tiere lassen mich dazu kommen, dass es den Tieren
trotz aller Pein den Umständen entsprechend gut geht, will damit
ausdrücken, dass ihr Allgemeinzustand art- und situationsgerecht
ist. Ausserdem haben einige Tiere das Gröbste schon überstanden,
während andere erst anfangen, es hat also keinen Ausfall im
wahrsten Sinne des Wortes gegeben. Es ist also eine gutmütige
Krankheit. So beschließe ich es!
Ein am 17.06.02 geschlachteter Jährlingsbock aus der zuerst
befallenen Bockherde wies keinerlei pathogenen Veränderungen von
Innereien auf. Sämtlich beschriebenen Krankheitsbilder sind an
keinem der Schafe durchgängig zu beobachten, d.h. es fehlen
eindeutige Merkmale einer bestimmten Krankheit, in der Gesamtheit
des Erscheinungsbildes könnte ein Dutzend verschiedene Krankheiten
in Frage kommen.
Zwischenzeitlich versuche ich den Käufer der Tiere zu beruhigen:
ich kenne ihn nicht, weis nicht, wieviel Ahnung er von Schafen hat,
was passiert, wenn plötzlich gut gekleidete Herren und Damen vor
der Tür stehen und die Schafe sehen wollen? Die Kollegen aus der
Pfalz hätten sie benachrichtigt, hier ist eine „Seuche". Oh je –
was für ein Dilemma.
Hautausschlag
Während dieser ganzen Zeit also bis Ende
Juni und darüber hinaus, bekomme ich an den Händen und Armen einen
fürchterlich juckenden Hautausschlag, ähnlich einer
Schuppenflechte. Ich kann nicht beurteilen, ob es von der
Photosensibilität des einzunehmenden Antibiotikums herrührt oder um
das Bakterium, welches die Schafe quält. Ich mache mir keine großen
Sorgen, ich nehme ja schon Tabletten. Auch hier kein erneuter
Arztbesuch.
Erst nachdem die Tabletten alle sind, das Antibiotikum in der
Wirkung nachlässt, die Sonne nicht mehr so heftig scheint, das Heu
eingefahren ist, bin ich bereit einzusehen, dass die Prusteln an
Hand und Unterarm wohl vom Lippengrind der Schafe herrühren.
Fazit
Nach fast zwei Monaten des ersten Auftauchens der
–Seuche- ist alles überstanden. Ich gehe davon aus, dass die Schafe
es mir nicht Übel genommen haben, was passiert ist. Sie stehen alle
wieder gut da, wohlgenährt und gesund. Auch der Käufer der Schafe
hat geschrieben, dass es seinen Schafen wieder besser geht.
Jeder der älteren Landwirte kennt MKS und Lippengrind, früher wie
heute ist es weder eine die Tiere bedrohende noch den Menschen
hinraffende „Seuche", war es noch nie gewesen. Man hat es
hingenommen wie Regen und Sonne. Habe ich nur Glück gehabt, dass es
sich nicht um die bösartige Form handelte und kein Tier eingegangen
ist?
Ist es berechtigt, einen gewissen Stolz zu entwickeln, weil ich
NICHT den Tierarzt geholt habe? Oder hab´ ich einfach nur Glück
gehabt?
Ich stelle den Sachverhalt zur Diskussion, denn ich glaube, dass
ich nicht allein bin mit diesen Fragen und Nöten in einer
bestimmten Situation. Selbst auf die Gefahr hin, dass im Nachhinein
eine hochnotpeinliche Untersuchung stattfinden könnte.
Übrigens: weiter oben wurde der Bekannte genannt, der beim Scheren
kurz zu Besuch kam (der ein Lamm mit der Ziege hochgezogen hat):
auch seine Herde hat jetzt Lippengrind Andere Schafhalter, zu denen
Kontakt besteht, sind bis jetzt noch frei von
Krankheitssymptomen.
©Peter E. Heinze11.07.02
Anm: Obiger Artikel wurde zeitnah der Deutschen Schafszeitung
zur Veröffentlichung übergeben: bis heute keinerlei
Reaktion!!
