Meine erste Ausstellung

Was für eine Aufregung: die erste Ausstellung steht an, mit zwei Böcken, die schon gekört sind, möchte ich teilnehmen. Da ich eine seltene Rasse vertrete, wird wohl nicht all zuviel an Konkurrenz vorhanden sein, ich ertappe mich bei einem verwerflichen Gedanken ... oder kann ich nicht verlieren?

DER Tag rückt immer näher, ich frage mich, wie die anderen das schaffen, dass die Tiere so ruhig und gelassen an der Leine rumgeführt werden können: meine lieben die Freiheit, es ist ihnen absolut verhasst, von anderen einen Willen aufgezwängt zu bekommen, der nicht immer der eigene ist. Sie wollen überlistet werden. Es ist mir aber zu blöd, mit dem Futtereimer im Ring herum zulaufen, es könnte ja auch sein, dass es woanders viel viel interessanter ist – und dann?

Ich bekomme Tips wie „Tage vorher im Stall anbinden" – nur, ich habe keinen. Oder: auf der Wiese antüdern, hach – ich weis nicht, nachher habe ich die Gelenke nicht richtig eingeflochten oder der Bock verheddert sich oder hängt sich auf , alleine das Bild: ein selbst mit einem Strick gemorchelter Bock auf einer Wiese rücklings, alle viere in die Luft – nee, alles zu riskant. Sie bekommen Tage vorher das Kopfgeschirr – das ist schon schlimm genug für die beiden, es wird wohl reichen

Wieder erwarten kann ich die Nacht zuvor ganz gut schlafen, die Vorgehensweise am Morgen ist schon tagelang im Kopf - es wird schon gehen.

Morgens in aller Herrgottsfrühe raus, kein Frühstück – der Magen ist schon aufgeregt genug.

Strom aus, Schleuse gebaut (damit die anderen nicht mit können), Strick an Halfter, ziehen, gut zureden – nichts. Auch der Hinweis, dass der Transport nicht zum Schlachter geht, dass er, der Chef der Bande, sich präsentieren kann, Appelle an das männliche Ego – nichts. Er stemmt sich in das Grass, später weiss ich, dass ich 94Kg bewegen musste. Trotzdem, Meter um Meter kommen wir dem Fahrzeug näher, keuchend stehe ich neben der Tür und kann nur noch mit Zeichensprache in das Fahrzeuginnere deuten. Er schaut mich an, blitzschnell kommen mir Bilder von Zeichentrickfilmen hoch, ich muss lachen. Kann ein Schafsbock mir den Vogel zeigen?

Auch diese Hürde des Überwindens von einer 40cm hohen Ladekante wird gemeister – ich bin schon nass geschwitzt, mein Kreuz droht zu zerfallen, Anfragen an die geistige Zurechnungsfähigkeit begleiten mich auf dem Weg zum zweiten Monster.

Hier das gleiche – irgendwas mach ich falsch!! Bei den anderen klappts doch. Um die Sache zu verkürzen: ich schaffe es. Ich wundere mich, dass ich mitt zittrigen Händen das Fahrzeug schalten kann, meine Beine spüre ich kaum, das erste Bremsen ist nicht so einfühlsam, wie ich sonst meinem Fahrzeug die Energie zu nehmen pflege.

Noch während der Fahrt überkommt mich aber langsam eine Ruhe, ich bin zufrieden. Meine Fahrgäste stehen nur dumm darum, sie registrieren, dass dies ein anderer Transport ist als mit der Herde auf eine andere Wiese.

Auf dem Ausstellungsgelände angekommen bekomme ich meine Box zugewiese, jetzt nur noch ausladen, fertig.

Zum Glück kann ich direkt neben die Box fahren, klappe auf – Viecher raus, klappe zu. Geschafft.

Nicht nur der Himmel zieht sich langsam zu, auch in meinem Hirn dunkle Wolken. Wie geht es weiter, ich keine Ahnung, alle in ihrem Schäferkittel, ich im Freizeit-Dress. Nettes Kopfnicken zu dem ein oder andren, den ich schon mal gesehen habe. Der zweite erwartete Züchter „meiner" Rasse ist auch noch nicht da, kommt er überhaupt? Fragen ergibt: erst mal Katalog holen, Nummern raussuchen, Tiere mit Nummer behängen, wiegen. Also gut, alles erledigt, jetzt wiegen, also – Verschlag auf, Bock raus, Verschlag zu. Die Neugierde treibt den Bock, ich brauche nicht mehr soviel zu ziehen. Ich habe noch nicht die Waage erreicht, aufgeregtes Schreien, erhobene Arme und Fingerzeige Richtung meines verbliebenen Bockes – im Augenwinkel sehe ich meinen Louis davon rennen. Seltsamer Weise bleibe ich absolut ruhig, von ganz unten kommt es hoch: es passiert nix, er kommt nicht weit, er ist auf dich fixiert, es hat ihn irgendetwas fasziniert, und da geht er jetzt hin.

Ein Bekannter kommt zu mir, nimmt mir den Bodo, ich gehe Richtung meines rennenden Chauvi, denn – na klar, wo will er auch sonst hin: die Mädels interessieren ihn. Schnuppernd und ganz aufgeregt steht er am Gatter, leise auf ihn einredend und ganz langsam gehe ich zu ihm. Er schaut mich an als wenn er wie ein kleines Kind sagen wollte: Schau mal, was ich gefunden habe, darf ich rein? Natürlich darf er nicht, zum Glück hat er noch das lange Winterfell, ich kann ihn packen und ihn von dem Objekt der Begierde wegbringen. Weil die Waage auf dem Weg ist, nehme ich diesen kurzen Stopp als wohltuende Erholungspause war. Schon wieder nassgeschwitzt, was machen eigentlich die Leute, die ein paar Tiere mehr vorstellen?

Nachdem das Wiegen vorbei ist stellt sich mir die Frage: Böcke anbinden oder nicht. Psychologisch ausgefeilte Antwortchemata lassen den Schluß zu, dass beide nicht abhauen werden, also jeweils anbinden, wenn der andere raus kommt.

Mittlerweile kommt der zweite Züchter „meiner" Rasse, Ausfall des PKW haben ihn fast zu spät kommen lassen. Er hat „nur" einen Bock dabei. Er ist – im Gegensatz zu mir – nicht alleine, hat Begleitung, was sich noch als äußerst Vorteilhaft erweisen sollte.

Nachdem die anderen Rassen (zum Glück habe ich mich zur Haltung einer Mittelschweren Rasse entschieden, wie können die Leute mit 150Kilo-Böcken nur umgehen??) begutachtet wurden, steht auch irgendwann meine Rasse an. Die Kontaktaufnahme mit dem „Schau-Scherer" ist positiv, ich kann meine beiden Böcke zur Belustigung aller scheren lassen.

Es tröstet mich, dass auch andere Böcke ein Freiheitsbedürfniss haben – auf dem Gelände trabt einer herum, auch er kann wieder eingefangen werden.

Langsam wird es dunkler, die ersten Regentropfen fallen – Schade, bei so einem Wetter kommt kaum Publikum, so macht das irgendwie keinen Spass.

Jetzt – wir sind an der Reihe. Ich soll einen Bock vorführen. Louis wird begutachtet, Stand der Beine, Wolle, Gesamtaussehen – der Richter scheint begeistert zu sein. Nur mit dem Laufen haperts – wenn Louis nicht will, dann will er nicht, das muss auch ein Preisrichter hinnehmen!

Bodo gibt sich da etwas galanter, auch er wird gut beurteilt, ich lerne noch etwas von kleinen Feinheiten, worauf ich bei meiner Nachzucht achten werde, mittlerweile habe ich genug Tiere, da muss nicht alles in die Zucht.

So – und jetzt sollen alle in den Ring, ich kann aber nur einen Bock nehmen. Die Begleitung des zweiten Züchter (von dem ich übrigens Bodo vor einem Jahr erworben hatte) ist so nett und kümmert sich um ihn – es ist interessant zu sehen, was eine weibl. Führung ausmacht!! Im strömenden Regen versucht der Richter den umstehenden, vielleicht zwei oder drei Personen, seine Begründung für die Klassifizierung zu vermitteln. Ich kriege von allem dem kaum etwas mit, viel zu aufgeregt, viel zu viele Gedanken, viel zu beschäftigt, meinen Louis zu zähmen.

Dass meine beiden Böcke, wobei einer zugekauft ist, vor dem Bock meines Züchterkollegen stehen, berührt mich etwas peinlich.

Da das Fell der Böcke mittlerweile nass ist, kaum Publikum mehr auf dem Gelände, wird auf das Schauscheren verzichtet. Noch ein Weilchen bei der Preisverteilung, ein kleiner Rundgang – das wars.

Im strömenden Regen wieder beide Tiere verladen und ab nach Hause.

Was soll ich nur machen im Herbst, wenn vier oder fünf Tiere vorgestellt werden? Was ist, wenn die Jungböcke nicht so „einfach" zu handhaben sind wie Louis und Bodo? Bis dahin iss noch lang, nich jetzt schon verrückt machen. Es wird schon werden.

23.05.02 ©Peter E. Heinze

Ich hasse sie...

Manchmal ist es wirklich zum Mäuse melken: immer dann, wenn man es am wenigsten gebrauchen kann, passieren die unmöglichsten Dinger: wenn es denn wenigstens in abgeschiedener Flur passiert wäre – aber nein, direkt an einer viel befahrenen Strasse, unter den Augen einer sicherlich belustigten Öffentlichkeit.

Und ich hatte auch noch Schuhwerk an, dass die Peinlichkeit einer direkten Bodenberührung meines eh´ schon gestressten Körpers auf´s äußerste begünstigte. Ich kann es mir aber auch nicht angewöhnen, glatte Stiefel, also solche, die keine offenen Laschen, sondern geschlossene Ösen haben, zu benutzen. Zu aller praxisgerechten Ausstattung hat ausgerechnet dieses in Freizeitkreisen beliebte Schuhwerk des besseren Grips wegen eine äußerst griffige, weil stark profilierte Sohle. Und somit hat eine perfide Physik, gepaart mit ein wenig Unaufmerksamkeit, ein leichtes Spiel mit einer sicherlich sehenswerten Mimik meiner körperlichen Extremitäten.

Ist es Ihnen nicht auch schon so ergangen, daß Sie mit der geöffneten Hand gerade mal so das Bündel der meist rot gefärbten Plastikschnüre, welche mit grünen oder gelben Stangen versehen sind, halten können, während Sie mit der Rechten eine Stange nach der anderen – bei gleichzeitigem Rückwärtsgehen – entnehmen, um sie dann, oft unter zur Hilfenahme des ein oder anderen Fußes, in den hoffentlich weichen Erdboden zu stecken? Was sich in der Regel als einen als normal zu bezeichnenden Bewegungsablauf darstellt, gerät bei entsprechender „Störung" zu einem absoluten Fiasko.

Wie neulich: ich war gerade dabei, einen Stab diesem in der linken Hand plazierten Bündel zu entnehmen. Dies gestaltete sich aber nicht sooo einfach, da sich das eine Ende etwas in dem Bündel verheddert hatte. Diese Tatsache allein ist nicht so tragisch, aber ausgerechnet in diesem Moment glaubt ein mehr oder weniger „Bekannter" sein Dasein mittels in einem Automobil installierten Gerät (gemeinhin als Hupe bezeichnet) kundtun zu müssen. Als freundlicher Erdenbürger ist es eine Pflicht, diesen „Gruß" mit einer winkenden Hand, mindestens aber mit einem wohlwollenden Blick in die Richtung des Verursachers, zu würdigen. Unter Ausschaltung jeglicher Kontrollmechanismen ruckte nicht nur mein Kopf in die Richtung des freundlich gemeinten Geräusches, auch die rechte Hand, bestückt mit dem oben angeführten grünen Stab, versuchte sich nach rechts oben zu einem Gruß zu heben, was aber nur zum Teil gelang, da ja der Stab noch teilweise mit dem Bündel in der Linken verbunden war. Der mit der Materie vertraute Leser wird es ahnen: Das Bündel verließ, dem Gesetze der Physik folgend, die Hand und fiel nach unten, wo gerade der rechte Fuß, dem kurz zuvor erteilten Befehle folgend, sich nach oben und dann nach hinten zu bewegen hatte. Ich bin mir sicher, Sie wissen, wie es weiter ging: Der rechte Fuß kam nicht mehr dazu, festen Boden unter selbigen zu bekommen, weil Plastikschnüre dies hervorragend zu verhindern wussten, der Körper – normalen Bewegungsablauf voraussetzend – war aber schon auf dem Weg nach hinten. Kurz: es kam wie es kommen mußte, auf dem Boden liegend, ein Bündel roter Strippen über mir, versuchte ich zappelnd ein gutes Bild für die vorbeiziehenden Mitmenschen abzugeben. Ich bin mir sicher, der vorüberziehende Laie war erstaunt zu sehen, wie eine Schafskoppel heutzutage eingezäunt wird.

Ich hasse sie, meine lieben Elektrozäune.

Peter E. Heinze

Geschichte 3 (bitte anklicken ---> Krankheit )