Lämmerruhe
Nach des Tages Arbeit lasse ich mich auf dem versifften, schon
bessere Zeiten erlebten Chaisselonge unter einem Vordach nieder.
Auf die Weite der Wiesen schauend, lehne ich mich zurück und
beobachte meine Kinder. Die Flaschenlämmer erfreuen sich ihrer
kurzen Freiheit und laufen, neugierig ihre ungewohnte Umgebung
erschnüffelnd, aufgeregt umher, um vielleicht etwas zum fressen,
besser noch zum Lutschen zu finden.
Sie scheinen aus dem Gröbsten heraus zu sein, sachte setzt die
Wiederkäuertätigkeit ein, noch kann aber auf die Flasche nicht
verzichtet werden. Die stressigste Zeit scheint vorbei zu sein, es
hat sich offensichtlich gelohnt, sich zu engagieren. Peinlichst
darauf achtend, mich nicht aus den Augen zu verlieren, kauen sie
ihre ersten Gräser.
Nachdem ich mich zurückgelehnt habe und die Beine in einer doch
recht komfortablen waagrechten Position mich nicht mehr tragen
müssen, werden die Augenlieder immer schwerer. Auch das fordernde
Meckern der Flaschenkinder nötigt mir momentan keine allzu große
Aufmerksamkeit ab.

Die kleinen Wollproduzenten wissen wohl nicht genau, was sie zu tun
haben. Aufgeregt rennen sie vor meiner Ruhestatt auf und ab,
schauen mich mit fragenden Augen an, als wollten sie wissen, warum
ich nicht mit ihnen spielen will. Ausgerechnet das jüngste, von dem
ich ehedem glaubte, dass alle Mühe umsonst sein würde, kommt mit
einem Satz an meine Seite. Aufbauspritzen, besondere Aufmerksamkeit
und hier und da eine Extra-Portion flüssiger Nahrung haben mein
Sorgenkind doch recht gut gedeihen lassen
Wie die anderen auf der großen Wiese, die mit den richtigen
Müttern, sucht die Kleine Geborgenheit und Nähe an meiner Seite. An
meiner mit Wollfett getränkten Hose kann sie erriechen, dass sie
keine Angst haben braucht, dass sie hier richtig ist. Nachdem sie
sich niedergelassen hat legt sie den Kopf auf ihre Beine und
scheint meinen Gedanken nachzuhängen. Leicht kraule ich sie an den
Ohren und am Hinterkopf. Auch die Schnauze wird in meine
Liebkosungen einbezogen. Mit leicht geschlossenen Augen scheint sie
nicht nur die Zärtlichkeiten zu geniessen, sie scheint in eine
andere Welt abgetaucht zu sein. Vielleicht träumt auch sie wie ich
von den endlosen Weiten irgendwelcher Täler, von Weiden ohne
Spaziergänger mit wild herumkotenden Kötern, von einem sorgenlosen
Dasein als kleiner Hauswiederkäuer. Sie wird wohl in Gedanken mit
den anderen wie wild auf der Weide herumtollen, wird mit geöffnetem
Maul nach Luft hecheln, nachdem mehrmals in schnellem Galopp die
Wiese gequert wurde, um sich dann im Kreis der anderen Lämmer
auszuruhen. Sie wird sich nicht die Frage stellen, warum die Mutter
sie nicht haben wollte. Sie wird den Sinn nicht wissen wollen,
warum gut 150 Tage ein Leben im Mutterleib heranwächst, das mühsam
Licht der Welt erblickt – um dann von der Mutter keines Blickes
gewürdigt zu werden. Was geht in dem Kopf eines weiblichen Tieres
vor, wenn es das Kind, welches sie gerade noch abgeleckt hat, mit
harschen Kopfbewegungen an dem Versuch kläglich scheitern lässt,
wertvolle Tropfen des lebensnotwendigen Mannas zu ersaugen. Da
hilft kein Schreien, kein Aufdringliches zwischen den Beinen
herumlaufen, zu klein und zu schwach ist das Neugeborene, wenn denn
der Wille der Mutter fehlt, den Nachwuchs in seinem Bemühen zu
unterstützen, am Leben zu bleiben. Ist es wirklich eine Frage der
Hautfarbe? Warum wird die andersfarbige Schwester am Leben
gehalten, und nicht auch der dunkelhäutige Bruder? Andere Mütter,
deren Kinder beide dunkel sind und die Mutter hell, kümmern sich
hervorragend um ihre beiden schwarzen Schafe, warum hier
nicht??
Jähe schrecke ich hoch, als ein Schuss die Stille zerstört und
gleichzeitig steril gekachelte Räume mit langen Reihen lebloser
Schlachtkörper vor meinem inneren Auge in Bruchteilen von einer
Sekunde vorbeiziehen. Hochgeschreckt wie ich auch meine
Schmusepartnerin, die mich mit treuen Augen anschaut, als wenn sie
fragen wollte: Mama, alles in Ordnung? Mein Herz schlägt schneller
bei dem Gedanken, das ein Bolzenschußapparat diesem jungen Leben
ein jähes Ende setzen wird.
Und doch, es ist diesem Lebensmittelspender nicht zu vermitteln,
dass es irgendwann einmal im Kochtopf landen wird. Weiter den
zukünftigen Braten streichelnd lehne ich mich wieder zurück und
geniesse den Rest des Tages. Einen besseren Freundschaftsdienst
kannst du mir nicht leisten.
©Peter E. Heinze, 25.06.2002
