Peter E. Heinze
Lämmerruhe
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Lämmerruhe

Nach des Tages Arbeit lasse ich mich auf dem versifften, schon bessere Zeiten erlebten Chaisselonge unter einem Vordach nieder. Auf die Weite der Wiesen schauend, lehne ich mich zurück und beobachte meine Kinder. Die Flaschenlämmer erfreuen sich ihrer kurzen Freiheit und laufen, neugierig ihre ungewohnte Umgebung erschnüffelnd, aufgeregt umher, um vielleicht etwas zum fressen, besser noch zum Lutschen zu finden.
Sie scheinen aus dem Gröbsten heraus zu sein, sachte setzt die Wiederkäuertätigkeit ein, noch kann aber auf die Flasche nicht verzichtet werden. Die stressigste Zeit scheint vorbei zu sein, es hat sich offensichtlich gelohnt, sich zu engagieren. Peinlichst darauf achtend, mich nicht aus den Augen zu verlieren, kauen sie ihre ersten Gräser.
Nachdem ich mich zurückgelehnt habe und die Beine in einer doch recht komfortablen waagrechten Position mich nicht mehr tragen müssen, werden die Augenlieder immer schwerer. Auch das fordernde Meckern der Flaschenkinder nötigt mir momentan keine allzu große Aufmerksamkeit ab.


Die kleinen Wollproduzenten wissen wohl nicht genau, was sie zu tun haben. Aufgeregt rennen sie vor meiner Ruhestatt auf und ab, schauen mich mit fragenden Augen an, als wollten sie wissen, warum ich nicht mit ihnen spielen will. Ausgerechnet das jüngste, von dem ich ehedem glaubte, dass alle Mühe umsonst sein würde, kommt mit einem Satz an meine Seite. Aufbauspritzen, besondere Aufmerksamkeit und hier und da eine Extra-Portion flüssiger Nahrung haben mein Sorgenkind doch recht gut gedeihen lassen
Wie die anderen auf der großen Wiese, die mit den richtigen Müttern, sucht die Kleine Geborgenheit und Nähe an meiner Seite. An meiner mit Wollfett getränkten Hose kann sie erriechen, dass sie keine Angst haben braucht, dass sie hier richtig ist. Nachdem sie sich niedergelassen hat legt sie den Kopf auf ihre Beine und scheint meinen Gedanken nachzuhängen. Leicht kraule ich sie an den Ohren und am Hinterkopf. Auch die Schnauze wird in meine Liebkosungen einbezogen. Mit leicht geschlossenen Augen scheint sie nicht nur die Zärtlichkeiten zu geniessen, sie scheint in eine andere Welt abgetaucht zu sein. Vielleicht träumt auch sie wie ich von den endlosen Weiten irgendwelcher Täler, von Weiden ohne Spaziergänger mit wild herumkotenden Kötern, von einem sorgenlosen Dasein als kleiner Hauswiederkäuer. Sie wird wohl in Gedanken mit den anderen wie wild auf der Weide herumtollen, wird mit geöffnetem Maul nach Luft hecheln, nachdem mehrmals in schnellem Galopp die Wiese gequert wurde, um sich dann im Kreis der anderen Lämmer auszuruhen. Sie wird sich nicht die Frage stellen, warum die Mutter sie nicht haben wollte. Sie wird den Sinn nicht wissen wollen, warum gut 150 Tage ein Leben im Mutterleib heranwächst, das mühsam Licht der Welt erblickt – um dann von der Mutter keines Blickes gewürdigt zu werden. Was geht in dem Kopf eines weiblichen Tieres vor, wenn es das Kind, welches sie gerade noch abgeleckt hat, mit harschen Kopfbewegungen an dem Versuch kläglich scheitern lässt, wertvolle Tropfen des lebensnotwendigen Mannas zu ersaugen. Da hilft kein Schreien, kein Aufdringliches zwischen den Beinen herumlaufen, zu klein und zu schwach ist das Neugeborene, wenn denn der Wille der Mutter fehlt, den Nachwuchs in seinem Bemühen zu unterstützen, am Leben zu bleiben. Ist es wirklich eine Frage der Hautfarbe? Warum wird die andersfarbige Schwester am Leben gehalten, und nicht auch der dunkelhäutige Bruder? Andere Mütter, deren Kinder beide dunkel sind und die Mutter hell, kümmern sich hervorragend um ihre beiden schwarzen Schafe, warum hier nicht??
Jähe schrecke ich hoch, als ein Schuss die Stille zerstört und gleichzeitig steril gekachelte Räume mit langen Reihen lebloser Schlachtkörper vor meinem inneren Auge in Bruchteilen von einer Sekunde vorbeiziehen. Hochgeschreckt wie ich auch meine Schmusepartnerin, die mich mit treuen Augen anschaut, als wenn sie fragen wollte: Mama, alles in Ordnung? Mein Herz schlägt schneller bei dem Gedanken, das ein Bolzenschußapparat diesem jungen Leben ein jähes Ende setzen wird.
Und doch, es ist diesem Lebensmittelspender nicht zu vermitteln, dass es irgendwann einmal im Kochtopf landen wird. Weiter den zukünftigen Braten streichelnd lehne ich mich wieder zurück und geniesse den Rest des Tages. Einen besseren Freundschaftsdienst kannst du mir nicht leisten.
©Peter E. Heinze, 25.06.2002